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FEIER DER GBJD ANLÄSSLICH DES 70. JAHRESTAGES DES SIEGES ÜBER DEN FASCHISMUS

Im Verlaufe seiner Geschichte hat das jüdische Volk immer die wichtigsten Ereignisse in seinem Kalender eingetragen. Eines dieser Tage ist nun auch der 26 Ijar. Dieses Datum kennzeichnet das Ende des zweiten Weltkrieges, sowie die Rettung und Befreiung des jüdischen Volkes. Er ist auf Initiative des Präsidenten der bergjüdischen Stiftung „STMEGI“ und Vizepräsidenten des Russischen Jüdischen Kongresses German Raschbilovic Zaharyayev entstanden.

Am 14. Mai 2015 feierte die Gemeinde der Bergjuden in Deutschland den 9. Mai – 26. Ijar, den Tag der Rettung und Befreiung vom Faschismus, der Befreiung vom wahrscheinlich dunkelstem Kapitel unserer Geschichte.
Es ist eine Mischung aus Stolz über den Sieg und Trauer über die 27 Millionen Toten des Krieges in der Sowjetunion. Fast jede Familie kann über persönliche Verluste erzählen, ob an der Front oder im Konzentrationslager, in Gefangenschaft oder in der Blockade Leningrads.
Wir gedenken an unsere Väter und Großväter, an jeden der sein Leben gelassen hat, damit wir unseres weiterführen können.
Und zu Ehren und Erinnerung dazu fand diese Veranstaltung statt, da auch viele Bergjuden an den Fronten gegen das NS-Regime kämpften.

An der Feier nahmen Rabbiner Schlomo Raskin (JAZ), Eva-Maria Klatt (stellvertretende Vorsitzende der
Deutsch-Israelischen Gesellschaft Frankfurt), Dr. Dr. med. Rahim Schmidt (Landtagsabgeordneter, Rheinland-Pfalz), Frau Helga Lübke (Mitglied der CDU – Ortsbeirat 1), die Mitglieder der Gemeinde und zahlreiche Jugendliche teil.
Das grüßende Wort hatte der Vorstandsvorsitzende Orkhan Shafadiyayev. Er hieß alle Gäste zur ersten offiziellen Veranstaltung der Gemeinde der Bergjuden in Deutschland willkommen und eröffnete somit feierlich den Abend.

Daraufhin erzählten die Kriegsüberlebenden, Frau und Herr Tschernitskich, die im nächsten Jahr 60 Jahre Zusammenseins feiern, über die tragischen Ereignisse der Blockade von Leningrad.
Sie berichteten von Tod, Hunger, Krankheit und Trauer, während im Saal eine angespannte Stille herrschte. Geschichten über Kinder, die den Tod ihrer Eltern und das Verhungern ihrer Brüder mit eigenen Augen sahen und nun auf sich allein gestellt waren. Geschichten über Mütter, die auf dem Sterbebett das letzte Stück Brotkruste ihren Kindern reichten. Erzählungen über Grausamkeit und Heldentat, Selbstsucht und Nächstenliebe, Verrat und Zusammenhalt.
Einerseits ähneln sich all die Berichte aus dieser Zeit und anderseits ist jedes Schicksal so außergewöhnlich und einzigartig.

Im Kontrast zu den emotionalen Vorträgen des Krieges, erzählte als Nächstes Rabbiner Schlomo Raskin sehr lebhaft und humorvoll über die Geschichte und Kultur der Bergjuden.
In seiner Darstellung kristallisierte er die wichtigsten Werte dieses stolzen Volkes. Familie, Ehre und Respekt. Er betonte, dass Familie sich bei Bergjuden nicht auf einen kleinen Kreis von Angehörigen beschränkt, sondern dass der Zusammenhalt der ganzen Verwandtschaft eine wichtige Rolle im Leben jedes Bergjuden spiele. Er verglich es mit einem Stapel von Holz, dass nur gemeinsam Feuer und Wärme erzeugen kann.
Auch der Gedanke des Respekts, vor allem gegenüber Älteren, hat großen Stellenwert in dieser Kultur. Keiner beginnt zu Essen bevor nicht der Älteste den Segen spricht. Sein letztes Wort ist Gesetz. Wenn in der heutigen Gesellschaft alte Menschen oft als Belastung gesehen werden, so sind sie bei Bergjuden eine Quelle der Weisheit und Erfahrung.
Ehre und Stolz sind unzertrennliche Eigentümlichkeiten für alle in den Bergen lebenden Völker. Rabbiner Raskin betonte hierbei, dass auch Juden keine Ausnahme seien.

Bergjuden haben unter muslimischen Völkern gelebt. Sie hatten immer gute Beziehungen zu ihren andersgläubigen Nachbarn, weil es ihnen gelang sich in ihre Gesellschaft zu integrieren.
Dennoch schafften sie es, sogar bis zum heutigen Tage, ihre Sprache, Bräuche, Traditionen und den Glauben an G-tt zu bewahren.
Der Rabbiner beendete seinen Vortrag mit den Worten: „Es gibt Vermächtnis und Vermögen. Vermögen kann uns genommen werden, doch Vermächtnis gehört uns. Das geben wir unseren Kindern weiter. Das bleibt für die Ewigkeit.“
Mit lautem Applaus jubelten die Gäste Rabbiner Schlomo Raskin zu, der mit solcher Exaktheit und solchem Scharfsinn den freien Geist dieses Volkes einfangen und in Worte fassen konnte.

Und wo wurde schon eine bergjüdische Veranstaltung ohne Tanz und Festessen gesehen?
Beim abschließenden Teil dieser Feierlichkeit wurden die Tische gedeckt, traditionelle kaukasischen Speisen herausgetragen und die Gäste wurden mit traditioneller Musik und Tänzen verwöhnt.

Wir sprechen allen, die bei der Vorbereitung und Organisation dieser Veranstaltung mit geholfen haben, großen Dank aus und laden alle Interessierten zu unseren nächsten Feierlichkeiten ein, die im Voraus bekanntgegeben werden.

Autor: Kamilla Aschumova (Pressesprecherin der Gemeinde der Bergjuden in Deutschland e.V.)

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Kamilla Aschumova